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Hessische Gesellschaft für Soziale Psychiatrie

Bericht "Recovery in Irland" (Mai 2014)


"Recovery in Irland" (05/2014) - Ein sozialpsychiatrischer Vorstandsbericht

Eine Schnapsidee, oder? Die nächste Vorstandssitzung findet einmal nicht irgendwo im Hessenland, sondern im County Kerry in Irland statt. So dachte der hessische DGSP-Vorstand und hat "Irlandkenner" Holger Heupel gebeten, eine Reise dorthin vorzubereiten. Vom 21. - 26. Mai 2014 nahmen er und alle zehn Vorstandsmitglieder an der sozialpsychiatrischen Exkursion in den County Kerry teil, selbstverständlich privat finanziert. Schließlich versprach das Programm, das Holger Heupel gemeinsam mit Kathleen Lyons vom Health Service Executive Büro in Tralee zusammengestellt hatte, spannende Tage in Irland.

Tag 1: Spannende An- und Einsichten

Das General Hospital in Tralee ist ein flacher Zweckbau der medizinischen Grundversorgung mit einer psychiatrischen Abteilung, in deren zwei "inpatient acute units" die gesamten 38 Betten der allgemeinen Psychiatrie für Kerry untergebracht sind. "Under construction" sind 4 Krisenbetten, die in einem kleinen Anbau entstehen. Gespannte Erwartungen im Konferenzraum: Dr. Margaret Kelleher (ECD) und Mary O'Mahony (Area Director of Nursing) begrüßen uns und stellen die psychiatrische Arbeit im Co. Kerry in einer Präsentation vor, dazu gibt es selbstverständlich Tee und herrliche Scones mit "clotted cream and jam": bedürfnisangepasste Behandlung (NDT), ambulante Services vor Ort, Beteiligung der "User" (Nutzer) auf allen Ebenen, Recovery Konzept, Hometreatment, Beschwerdemanagement (advocacy).

Upps! Wir sind schon erstaunt über diese Informationen, die in ganz selbstverständlicher Haltung an uns weitergeben werden, was bei uns meistens eher auf der Wunschliste steht. Da die gesamte medizinisch-psychiatrische Versorgung staatlich organisiert ist, können wir davon ausgehen, dass diese Basisgrundsätze weitgehend überall in Irland Geltung haben; und so findet sich die Recoveryausrichtung der Dienste in der offiziellen Gesundheitsplanung. Die Kerry Mental Health Services (KMHS) sind für knapp 150.000 Einwohner zuständig. Sie teilen sich in 4 Sektoren mit jeweils ca. 30.000 Menschen (und Tralee) im Co. Kerry. Auch wenn die atemberaubende Landschaft mit kargen Höhenzügen, einsamen Inseln, Atlantikmeer, fast subtropischer Vegetation und überbordenden Rhododendrenbüschen am "Ring of Kerry" viel Gesundheit signalisiert , berichten uns die Mitarbeiter doch von erheblichen psychischen und sozialen Problemen. Insbesondere bei der Landbevölkerung in den z. T. sehr einsamen Gegenden sind Depressionen, Psychosen und Suchterkrankungen genauso weit verbreitet, wie andernorts. Die dezentrale Struktur der psychiatrischen Versorgung wird durch Ambulanzsprechstunden vor Ort und durch mobile Teams, die strikt multiprofessionell organisiert sind, aufrecht erhalten. Die enge Zusammenarbeit mit allen kommunalen Gesundheits- und Sozialdiensten, den Arbeitsagenturen, Freiwilligenagenturen und Kirchen ist selbstverständlich. Bedingt durch ihre qualitativ gute Ausbildung und ein historisch bedingtes hohes Ansehen nehmen die "Nurses" (Fachkrankenschwestern/-pfleger) nicht nur zahlenmäßig eine zentrale Rolle in der unmittelbaren Versorgung und Unterstützung der Patientinnen und Patienten ein. Der salutogenetische Ansatz ist vorrangig auf die Aktivierung von Ressourcen und weniger auf medikamentöse Therapie zentriert. Im Caherina House Day Hospital in Tralee wird auch von den psychiatrieerfahrenen Gesprächspartnern bestätigt, dass psychosoziale Therapien im Vordergrund stehen und die medikamentöse Therapie nur eine untergeordnete Rolle spielt.

Sozialarbeiterinnen begleiten uns in Kleingruppen zu den verschiedenen Diensten, den Wohngruppen, sowie Tages- und Arbeitszentren. Überall finden wir sehr freundliche Aufnahme, interessierte Gespräche, eine sehr offene Arbeitsatmosphäre und auch großes Interesse an der Versorgungssituation in Deutschland seitens unserer Gastgeber. Wir hören von präventiven Schulprojekten und Krisentelefon, uns begegnet der Integrierte Behandlungs- und Rehabilitationsplan in einer einfachen und klar strukturierten Form. Und überall hängen an den Infoboards Telefonnummern von Beschwerdeinstanzen und Spezialdiensten. Eine Frage noch: Was ist mit den Budgets für die Psychiatrie? Geht's aufwärts oder abwärts? Beides, wird uns geantwortet. In der Krise der letzten Jahre wurden die Budgets um 6 % reduziert. Dank einer solidarischen Diskussion in den Diensten macht sich dies aber kaum bemerkbar.

Zur Lunch-time werden wir fürstlich in der Krankenhauskantine bewirtet, und es wird weiter angeregt diskutiert und erzählt. Die Tischnachbarin, die das Tagestrainingszentrum besucht, hatte auch mal Deutsch in der Schule gelernt und übt nun ein wenig.

Der Rundgang durch das stationäre Angebot: in einer Unit eine geschlossene Tür, wenig Privatheit und Rückzugsmöglichkeiten, 6-Bett-Beobachtungszimmer, ein Aufenthaltsraum, wenig und alles ist etwas in die Jahre gekommen. Zwei Deeskalationszimmer mit Minimalausstattung, keine Fixierungen und streng dokumentierte 1:1 Überwachung. Hier findet sich kein Monitor, sondern es sitzt tatsächlich eine Pflegekraft an der Tür und steht für Kontakt und Überwachung zur Verfügung. Überall hängen Shirts von Hurling und Gaelic Football Mannschaften (populäre Sportarten in Irland). Der stationäre Aufenthalt soll nur kurz und intensiv sein. Immerhin kommen 97 % freiwillig zur Behandlung und bleiben im Durchschnitt nur 9 Tage. Die Diagnosen sind bunt gemischt, die weitere Behandlung erfolgt in den Tageszentren vor Ort oder durch die Hometreatment-Teams.

Wir lassen den Tag mit einem Besuch in Kate Kearney Cottage Pub mit irischer Musik, gutem Essen und irischen Tänzen bei mehreren Pints Guinness am torfigen Kaminfeuer ausklingen und tauschen erstaunt und erfreut unsere Eindrücke aus.

Tag 2: Das Gruselschloss und die Torftherapie

Eine halbe Stunde Fahrt nach Killarney - natürlich auf der linken Straßenseite - durchs satte irische Grün, ein paar Roundabouts und schon biegen wir ein in den Hof eines Schauerschlosses aus dem 19. Jahrhundert. Es wirkt leer, unwirtlich und abweisend, außerdem weiden Kühe vor dem Haupteingang. Besonders beängstigend der Eindruck von einer abgrenzenden Betonmauer mit Stacheldrahtaufsatz. Dahinter verbirgt sich ein Gaelic Football Stadion, das mit Hilfe von Patienten 1930 erbaut wurde. Schnell klärt sich, dass dies nicht unser Ziel sein kann. Das Schauerhaus war die alte Anstaltspsychiatrie für bis zu 1.100 Insassen, erbaut ohne Heizungsanlage. Das Haus wurde mit Torf in Kaminen beheizt, den die Bewohner als Arbeitstherapie in den umliegenden Mooren stechen mussten. 2002 wurde das denkmalgeschützte Haus endgültig geschlossen.

Nur wenige Meter weiter finden wir unser eigentliches Ziel: Das Coolgrane Training Centre. Hier gibt´s wieder einen freundlichen Empfang durch den Sozialarbeiter John, der bereits am Vortag dabei war, durch die Nurse Mary, den Psychologen und den Arbeitstherapeuten. Moderner Trainings-Computerraum, ein schöner Kräuter- und Gemüsegarten, ein Fischteich mit Zucht, eine Schreinerei und weitere Betätigungsbereiche für Menschen mit schweren Handicaps werden uns gezeigt. Paddy spielt auf einem Bandoneon ein paar Takte traditionelle Musik. Ein Besucher möchte mit uns sprechen, er beschwert sich, dass er daran gehindert werde, in einem von der Arbeitsagentur geförderten Kurs seine Goals (Ziele) umzusetzen. Die würden nicht mit ihm reden. Ein Hinweis auf die vorhandenen Beschwerdemöglichkeiten scheint ihn auch nicht zu beeindrucken. Später präsentiert er uns stolz seine 13 kleinen Hundewelpen. Eine Besucherin, die in der Küche tätig ist und uns leckere Scones und Sandwiches serviert, berichtet uns von Schwierigkeiten beim Erhalt ihres Teilzeit- Arbeitsplatzes in einem großen Kaufhaus in der Stadt. Supported Employment (unterstützte Beschäftigung) hat inzwischen einen großen Stellenwert, das Team kümmert sich aktiv um die Vermittlung von Arbeitsmöglichkeiten und baut Kontakte mit Arbeitgebern aus. Hauptproblem ist die allgemeine Arbeitslosigkeit, ansonsten gibt es im Arbeitsbereich ähnliche Probleme wie bei uns. Werkstätten sind nicht in großem Umfang angestrebt und vorhanden, Rehamaßnahmen strukturiert und zeitlich begrenzt.

Unsere Besichtigungstour führt uns in Killarney noch zu einem weiteren Flachbau mit ehemaligen älteren Langzeitpatienten, der im Sommer dieses Jahres aufgelöst werden wird, ins Leawood House Day Hospital und in eine Wohngruppe mit jungen psychotischen Patienten.

Tag 3 und 4: Kerry live

Wer die irische Psychiatrie verstehen will, wird nicht umhin kommen, die irische Landschaft, die Pub-Kultur, die vorgelagerten Inseln, die steinigen Berge, das natürliche Grün, das Meer, die Musik und die häufig noch anzutreffende einfache Lebensweise und die irische Geschichte, kurz: die irische Seele, näher zu betrachten.
So bereisten wir am Wochenende nicht nur Teile des Ring of Kerry, wir besuchten auch auf den Halbinseln Dingle und Beara einen alten Steinkreis, den Pub "Dick Macks", den Nationalpark mit Muckross House und Gärten und den verwunschenen Garten des Industriellen Liebherr. Wir überquerten den Healy-Pass, fuhren durch das Black Valley und betrachteten das eindrucksvolle Blascaod-Centre in Dunquin, das die Geschichte, Kultur und Tradition der Blasket-Insulaner zeigt. 1953 mussten die letzten Bewohner wegen hohen Alters die Insel verlassen und damit ihre besondere gälische Sprachenenklave aufgeben. Gezeigt werden auch Bilder der "Great Famine" von 1845, einer Hungersnot, in der 4 Millionen Iren verhungerten oder auswandern mussten.

Die hessische Vorstandssitzung fand am 26.5. im "Bunkers Pub" in Killorglin statt. Dort wird jedes Jahr im August 3 Tage lang "King Puck" gefeiert, ein wilder Ziegenbock, der in den Bergen eingefangen und zum König gekrönt wird. Sicher auch ein Grund wieder nach Irland zu reisen.

Was bleibt?

Ein gutes Gefühl, wenn wir in eine ländliche Gegend im äußersten Westen Europas kommen und dort erfahren, dass Soziale Psychiatrie auch in Zeiten von Finanzkrisen machbar ist und Grundsätze von Empowerment, Recovery und persönlichem menschlichem Umgang zur Normalität gehören. Die Beteiligung von Nutzern auf allen Ebenen, als Anspruch formuliert und in der Umsetzung weitgehend begonnen, hat etwas Erfrischendes und für uns Besucher auch Authentisches. Beeindruckend war für uns, wie aus einer noch vor wenigen Jahren vergleichsweise rückständigen, klinikbezogenen Psychiatrie eine solch umfassende Neuausrichtung auf recoveryorientierte Konzepte in Gang gekommen ist, und mit welchem Engagement die Umsetzung in gemeindenahe Angebote verfolgt wird. Die Kolleginnen und Kollegen in Irland arbeiten auf höchstem professionellem Niveau und sind in einen ständigen Weiterentwicklungsprozess der Versorgung eingebunden.

Eine sehr wichtige Erfahrung war für uns, dass wir erleben konnten, dass die DGSP mit ihrer Grundhaltung kein Exot ist: Sie steht mit beiden Beinen mitten in Europa.

Autoren: Heike Dech, Marburg (Prof. Dr. med. Alice-Salomon-Hochschule Berlin) und Constantin von Gatterburg, Heppenheim (Dipl.-Sozialarbeiter, Amt für Gesundheit) in Zusammenarbeit mit den Vorstandsmitgliedern der DGSP Hessen.



Psychiatrische Versorgung in Irland

Die früher sehr rückständige, anstaltslastige psychiatrische Versorgung in Irland, befindet sich in den letzten Jahren in einem großen Transformationsprozess. (Damals hatte Irland eine überdurchschnittlich hohe Unterbringungsrate.)

Das Psychiatriegesetz (Mental Health Act 2001), welches das alte Gesetz von 1945 ersetzte, gab den Anstoß zu sehr grundlegenden Veränderungen, nämlich dem Aufbau von gemeindenahen Versorgungskonzepten und einem reformierten Unterbringungsgesetz, bzw. stark zurückgenommenen Unterbringungskriterien.
Die Reform kam zunächst nicht in Gang, da erst gut qualifizierte Mitarbeiter ausgebildet werden mussten. Nun aber setzt Irland auf multiprofessionelle ambulante Dienste, sowie auf Niedrigschwelligkeit, Beziehungskontinuität und Nutzerbeteiligung und nennt in der offiziellen Gesundheitsplanung explizit Recovery als Grundausrichtung der sozialpsychiatrischen Angebote. Die Bettenzahl wurde drastisch reduziert, die Anstalten weitestgehend geschlossen und kleine regionale Abteilungspsychiatrien an Allgemeinkrankenhäusern eingerichtet.

Im psychiatrischen Versorgungssystem wird nun der Schwerpunkt auf community mental health teams (CMHT) gelegt, die auch aufsuchend arbeiten und gerade in den ländlichen, dünn besiedelten Gebieten vor Ort sind. Akute Krisen sollen möglichst mit home treatment oder in Tageskliniken aufgefangen werden. Flankierend werden vielfältige Beratungs- und Gruppenangebote aufgebaut und ein durchgängig erreichbares Krisentelefon.
Auch Prävention und Gesundheitsförderung (mental health promotion) sind Bestandteil des neuen Versorgungskonzepts und werden aktiv betrieben.


Fotos zu "Recovery in Irland"

Ankunft des Vorstandes in Glenbeigh, Rossbeigh Strand
Ankunft in Glenbeigh, Rossbeigh Strand
Bettina Scholtz und Klaus Becker
Bettina Scholtz und Klaus Becker in der Kantine des Kerry General Hospital, Tralee
Kate Kearney's Cottage, Gap of Dunloe, Killarney
v. l.: Hans-Jürgen Wittek, Eugen Berker, Harald Link, Klaus Becker, Holger Heupel, Constantin v. Gatterburg, Heike Dech, Bettina Scholtz, Anika Radtke, Petra Lauer, Anja Rößner-Uhlmann gehen zur "Irish night" in Kate Kearney's Cottage, Gap of Dunloe, Killarney
Der Vorstand im Gespräch
Der Vorstand im Gespräch mit Mitarbeitern des Coolgrane Training Centre, Killarney
Ein reichhaltiges Lunch
Ein reichhaltiges Lunch
Im 'organic garden'
Im "organic garden"
Im 'organic garden'
Im "organic garden"
In der Holzwerkstatt
In der Holzwerkstatt
Paddy mit seinen Bandoneon jigs
Paddy lädt mit seinen Bandoneon jigs zum Tanzen ein
Leawood House, Tagesklinik in Killarney
v. l.: Eugen, Hans-Jürgen, Anika und Constantin vor dem Leawood House, Tagesklinik in Killarney
Caherina House, Tagesklinik in Tralee
Harald, Anika, Petra, Anja, Eugen mit Anne O'Connor (2. v. l.) vom Caherina House, Tagesklinik in Tralee
St. Finan's
St. Finan's
Ehemalige Anstalt St. Finan's in Killarney
Ehemalige Anstalt St. Finan's in Killarney

Abschied von 'King Puck', Killiorglin
Abschied von "King Puck" in Killiorglin

Ruhepause in der irischen Sonne
Ruhepause in der irischen Sonne
Vorstandssitzung im 'Bunkers Pub', Killiorglin
Vorstandssitzung der DGSP - Landesverband Hessen e.V. in "Bunkers Pub" in Killiorglin

Kampagnenhinweis
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